Wandelnde Frau Holle am Frau-Holle-Teichpreloader-image
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Rauhnächte im Schnee

Unterwegs zwischen den Jahren

Bei geführten Fackel-Wanderungen im Geo-Naturpark Frau-Holle-Land werden die geheimnisvollen Sagen und Bräuche der Zeit zwischen den Jahren lebendig.

 

Was macht man mit Tagen, die nicht in den Kalender passen wollen? Man schiebt sie zwischen Weihnachten und den Dreikönigstag und misst ihnen eine besondere Bedeutung bei. Denn der Mondkalender, nach dem die Menschen früher auch in Hessen gelebt haben, hatte nur 354 Tage. Es blieben also am Ende etwa 11 Tage und 12 Nächte „übrig“ – die etwas unwirkliche Zeit, die wir bis heute „zwischen den Jahren“ nennen. Und weil es dann ja bekanntlich auch besonders dunkel ist, sind es natürlich nicht so sehr die Tage, sondern vor allem die sogenannten Rauhnächte zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar, die ihren eigenen, gruselig-schönen Zauber entfalten.

Mit Fackeln durch die Dämmerung

Auch im Geo-Naturpark Frau-Holle-Land in der GrimmHeimat NordHessen: Dort, rund um den Hohen Meißner mit seiner flachen Kuppe, halten Naturparkführerinnen wie Birgit Simon die alten Geschichten bei gemütlichen Winterwanderungen am Leben. „Das ist ziemlich eindrucksvoll“, erzählt Simon, die auch als Rangerin im Geo-Naturpark arbeitet: „Wir treffen uns in der Abenddämmerung und entzünden peu à peu die Fackeln, so dass es immer heller wird unterwegs. So wandern wir gemeinsam über den nächtlichen Berg. Unterwegs halte ich immer wieder an und erzähle Geschichten von Frau Holle und den Rauhnächten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dürfen ihre Wünsche fürs neue Jahr auf einen Zettel schreiben und an einen Baum hängen, und manchmal kehren wir hinterher noch auf ein typisch rustikales Essen am Bollerofen in der Viehhaushütte oder in einem Restaurant ein.“

Tipp: Weil die Rauhnacht-Veranstaltungen diesen Winter wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden können, findest Du hier eine Rauhnacht-Wanderung aus dem Geo-Naturpark, die Du individuell mit Deinen engsten Freunden oder der Familie machen kannst. Und vielleicht sind ja ab Mitte Januar wieder geführte Winterwanderungen mit Fackeln am Hohen Meißner möglich. 

Geschichten von Frau Holle

Der Geo-Naturpark Frau-Holle-Land hat seinen Namen übrigens tatsächlich von der alten Sagengestalt, um die sich in der Region nahe an der Grenze zu Thüringen besonders viele Geschichten ranken. Auch die Brüder Grimm sammelten hier viele Mythen und Sagen und veröffentlichten sie Anfang des 19. Jahrhunderts. Das gleichnamige Märchen basiert ebenfalls auf den im Gedächtnis der Menschen überlieferten Erzählungen rund um Frau Holle. Die Sagengestalt hinter der Grimmschen Märchenfigur ist aber deutlich vielschichtiger, erzählt Birgit Simon, und es gibt sie in vielen europäischen Ländern unter verschiedenen Namen: Hulda, Perchte, Frau Fricke, Frau Schunkel, Berta, Trempe, Stampa, Baba Jaga oder Mare. „Im Grund ist Frau Holle eine Mutter- oder Naturgöttin. Diese hatte unter anderem Macht über die Natur und die Jahreszeiten. Sie war nicht nur freundlich und gut, sondern auch sehr streng, konnte hart bestrafen. Fleißige Frauen fanden hier und da unerwartet ein Silberstück, etwa am Boden des gefüllten Wasserkrugs, den sie vom Brunnen heimgetragen hatten. Zänkische Mädchen und trunksüchtige Jungs hingegen wurden in Katzen beziehungsweise Kälber verwandelt und mussten ein hartes Tierleben fristen. „Und weil der Hohe Meißner eben in unserer Tradition von jeher ein mystischer Ort des Werden und Vergehens ist“, sagt Birgit Simon, „haben wir nicht nur zu Frau Holle, sondern auch zu den Rauhnächten eine besonders enge Beziehung.“

Das offene Geisterreich

Einst glaubte man, dass in den Rauhnächten das Geisterreich für eine gewisse Zeit offen stünde. Weil dies alles natürlich recht unheimlich und auch gefährlich für Normalsterbliche werden konnte, gab es Verbote zwischen Weihnachten und Dreikönigstag: keine Wäsche waschen zum Beispiel – sie würde mitgenommen und dem Besitzer im folgenden Jahr als Leichentuch gebracht. Keine Haare und Nägel schneiden, sonst bekomme man Schmerzen an eben diesen Stellen. Gleichzeitig konnte man aber auch ein wenig in den Lauf des Schicksals eingreifen. Wer also etwa an Nachbars Zaun klopfte, der durfte hoffen, dass die Hühner des Nachbarn ihre Eier auf der falschen, eigenen Seite der Grundstücksbegrenzung ablegten. Recht praktisch. Und wenn man sich als unverheiratetes Mädchen nachts an eine bestimmte Kreuzung stellte, konnte man die Gestalt des Zukünftigen als Geist vorbeispazieren sehen. Auch nicht unpraktisch. Ob das auch für junge Männer funktionierte, ist nicht überliefert.

Kirschblüte und Mohndörfer

Wie dem auch sei. Birgit Simon liebt diese alten Geschichten, die so gut zur Landschaft ihrer Heimat passen. Seit zehn Jahren ist sie Naturparkführerin, ein Herzenswunsch, den sie sich erfüllt hat, nachdem die Kinder groß genug waren. „Ich bin gern in der Natur, und ich mag die Kommunikation mit anderen“, erzählt Simon. Den Geo-Naturpark findet sie einzigartig – zu jeder Jahreszeit: „Die Winter hier oben auf dem Hohen Meißner sind wundervoll. Der Schnee oder der Reif knistern dann bei jedem Schritt unter den Füßen, alles schimmert so schön im Sonnenlicht. Der Hohe Meißner ist eine Wettergrenze. Von Westen her kommt reichlich Schnee, so dass hier oben auf gut 750 Metern oft alles eingezuckert ist, während Richtung Osten im Tal gar kein Schnee liegt. Die Sicht ist großartig – von der Kalbe hier oben etwa kann ich bis Niedersachsen, Thüringen und natürlich nach Hessen hinein schauen.“ Im Winter lässt es sich auf dem Berg bestens Langlaufen und Schlittenfahren, auch etwas Alpenski-Sport ist möglich. Im Frühling blühen 100.0000 Kirschbäume, und Ende Juni öffnen sich die rosa farbigen Blüten des Schlafmohns, der hier seit einigen Jahren wieder angebaut wird. Seltene Orchideen wie der Frauenschuh haben im Geo-Naturpark ihr Zuhause, Arnika und Enzian gedeihen prächtig. Wanderfalken, Wildkatzen und Luchse leben dort. Gleichzeitig ist die Region auch geologisch sehr vielfältig, meint Birgit Simon. „Es gibt über 200 Geotope, die man am schönsten beim Wandern und Radeln entdecken kann.“ Sie empfiehlt besonders die Kitzkammer mit ihren sechseckigen Basaltsäulen. Und wer Lust auf etwas Kultur hat, der bummelt durch Fachwerkstädtchen wie Bad Sooden-Allendorf oder Eschwege.

Gummibärchen-Orakel

Aber jetzt ist ja erst einmal Winter – und deshalb ganz besonders Frau-Holle-Zeit. Kissen schütteln, schneien lassen und so. Dazu Rauhnacht-Zauber. Auch etwas Grusel darf sein. Die Muttergöttin mit den vielen Namen reitet an der Spitze des Wilden Heeres um Silvester durch die eisige Winternacht, um die Seelen der Verstorbenen einzusammeln. Sie werden zu Frau Holles Badestube auf der Westseite des Hohen Meißners gebracht, unter dem Berg, wo Frau Holles Reich liegt, hindurchgezogen und aus dem Frau-Holle-Teich im Osten neu geboren. So schließt sich der Kreislauf des Lebens und des Todes geheimnisvoll zwischen den Jahren. 

Die Menschen früherer Zeiten haben die Rauhnächte mit Beten und Fasten verbracht, um unbehelligt von den Geistern zu bleiben. Man hat Ställe und Zimmer ausgeräuchert, um böse Energien und Geister loszuwerden. Ob das Wort Rauhnacht von diesem Räuchern kommt oder eher von Rauware, Fellzeug, das die Geister in der Phantasie der Menschen am Leib hatten, ist nicht ganz klar. Damit es mit all den Geschichten nicht zu düster wird, hat Birgit Simon auf ihren Wanderungen noch einen besonderen Trumpf: das Gummibärchen-Orakel. Jeder angelt sich einen Fruchtgummi. Und die Farbe des Bärchens erzählt, welche Themen im kommenden Jahr  im Leben des jeweiligen Menschen eine wichtige Rollen spielen werden: Rot steht dabei für Energie, Liebe, Freude, Kraft und Aktivität. Gelb für Geld, Begabung, Karriere, Glanz und Wohlstand. Weiß prophezeit Klarheit, Wissen, Weisheit und Führung. Grün bedeutet (Selbst-)Vertrauen, Frieden, Rat, Vernunft und Belastbarkeit. Und Orange schließlich spricht für mehr Leichtigkeit, Kontakte und Kreativität im Alltag. 

Die eigene Tradition pflegen

Nur ein Spaß, natürlich, und allemal angenehmer als Fasten mitten im Winter,  findet Birgit Simon, die die Sagen durchaus ernst nimmt. Die 59-Jährige hat von ihrer eigenen Großmutter noch gelernt, dass man keine Wäsche waschen darf zwischen den Jahren. Und hält sich bis heute dran. „Ich mag solche alten Traditionen einfach, sie sind es wert, weitergegeben zu werden“, meint sie lächelnd, „und außerdem ist das doch ganz praktisch, da hat man endlich mal eine paar Tage Ruhe vor der Waschmaschine.“

Mehr über den Naturpark und die winterlichen Aktivitäten dort findest Du hier.