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Land und Leute

Vergangenheit zum Anfassen

Fachwerk, Malerei und andere Handwerkskünste

Die Fachwerkhäuser in Nordhessen faszinieren Besucher aus aller Welt. Die robusten Gebäude stammen meist aus dem 16. bis 19. Jahrhundert und haben bis heute nichts von ihrem Charme verloren.

Fachwerk in Hessen

Uriger geht’s kaum noch. Wer seine Ferien auf dem Weidelshof von Regine und Jürgen Günst verbringt, erlebt Geschichte auf Schritt und Tritt. Nicht nur die nahe Ritterburg Weidelsburg erinnert an märchenhafte Zeiten, auch der Hof, auf dem 1814 bereits die Brüder Grimm übernachteten, bietet Vergangenheit zum Anfassen. Die Zimmerbalken der Fachwerkmühle und der umliegenden Ferienhäuser sind fast 300 Jahre alt, wirken jedoch so solide wie am ersten Tag. 

Die Architekten jener Zeit waren offenbar Meister ihres Fachs. Der im späten Mittelalter entwickelte Stil des Fachwerkbaus ist bis heute Handwerk im besten Sinn des Wortes: Fundierte Planung und solide Konstruktion, Sinn für Schönheit und Vorsorge für kommende Generationen. Gäste, die den Ferienhof nahe der Fachwerkstadt Naumburg erkunden, sind von der gemütlichen Atmosphä­re immer wieder begeistert. Kaum zu glauben, dass die komplexen Konstruktionen aus Pfosten und Streben, Stützen und Riegeln, Schwellen und Balken einst unter weitgehendem Verzicht auf Nägel und Schrauben entstanden.

Urlauber, die den rustikalen Charme dieser Architektur erleben wollen, werden sich in Nordhessen kaum langweilen. Besucher aus aller Welt sind immer wieder fasziniert von der Solidität der vielen Fachwerkgebäude, die sich in den Städten und Dörfern der Region in zahlreichen Varianten erhalten hat. Von der einfachen Bauernscheune über die liebevoll restaurierte Wassermühle bis zu prunkvollen Bürger- und Rathäusern mit aufwendigen Ornamenten beheimatet Nordhessen unterschiedlichste Ausformungen des mitteleuropäischen Fachwerks, bei dem die Kenner zwischen niedersächsischem und fränkischem Baustil unterscheiden. 

Doch muss man kein Architektur-Experte sein, um sich von den gemütlichen Gebäuden und ihren vielen Details inspirieren und verzaubern zu lassen. Die Fassaden, die sich beim Spaziergang durch Orte wie Fritzlar, Frankenberg, Schwalmstadt, Oedelsheim, Melsungen, Rotenburg an der Fulda oder Eschwege präsentieren, erzählen nicht nur von der Vielfalt dieser Baukunst, sondern auch von der Geschichte der Region und ihrer Bewohner. Beim Bummel über altes Kopfsteinpflaster und durch winklige Gassen liegt das nächste Architekturwunder meist gleich um die Ecke. Etwa in Frankenberg, dessen Bürger im 16. Jahrhundert durch Kupfer- und Silberfunde zu Wohlstand gelangten und dessen eigenwillig-pittoreskes Rathaus mit nicht weniger als zehn Spitztürmen für den Reichtum und das Selbstbewusstsein jener Zeit steht. Wohlstand und Bürgerstolz repräsentieren auch das Patrizierhaus „Löwe“ in Bad Sooden-Allendorf oder das zwischen 1475 und 1480 errichtete „Kaufhäuschen“ in Fritzlar, das die damalige Kaufmannsgilde im Zentrum der Stadt auf engstem Raum errichten ließ. Der schmale, tiefe Bau ist viergeschossig und überragt mit seinem wuchtigen Giebelturm die Nachbarhäuser. Man kann sich hier sogar einmieten. Im ersten Stock befindet sich eine Ferienwohnung, die den Charme vergangener Zeiten mit modernem Komfort kombiniert.

Auch an einem Ort wie Melsungen wird die Entdeckungstour durch die Altstadt zu einer Zeitreise ins späte Mittelalter. Das einheitliche Erscheinungsbild der Stadt hat sich seit Jahrhunderten nur wenig verändert. Wer sich auf seinem Spaziergang direkt entlang der Fulda etwas Zeit nimmt, kann an den vielen aufwendig restaurierten Fassaden aufschlussreiche Details entdecken. Alte Familieninschriften, prächtige Ornamente, biblische Zitate oder auch das holzgeschnitzte Porträt eines Bauherren erzählen von Auftraggebern, die für die Ewigkeit bauten und deshalb mit Gott und dem Schicksal im Bunde sein wollten.

Das mit der Ewigkeit hat bisher recht gut funktioniert. Auch im 300 Jahre alten Weidelshof von Regine und Jürgen Günst wurden Fachwerkhölzer verarbeitet, von denen etliche nach Meinung der Experten sogar noch einige hundert Jahre älter sind. Über Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit wusste man offenbar schon damals Bescheid. Die Gemeinden der Region sorgen mit bestandsschützenden Statuten und engagierter Denkmalpflege dafür, dass dieses alte Wissen nicht verloren geht und die Fachwerkarchitektur noch einige Jahrhunderte überdauern kann. Schließlich sollen auch kommende Generationen noch in den Genuss kommen können, sich fast wie im Mittelalter fühlen zu dürfen.

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