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Stadterlebnis

Kassels heimliches Hauptstadt-Flair

Eine Stadtführerin zeigt ihre Heimat

Museumsreich, kunstsinnig, grün und voller Kontraste: Die hessische Metropole hat viele offensichtliche und einige versteckte Vorzüge. Stadtführerin Sylvia Schmelzer zeigt dir ihre Heimatstadt und sagt, was du nicht verpassen solltest...

 

„In Kassel muss man manchmal etwas tiefer graben“, meint Dr. Sylvia Schmelzer augenzwinkernd. Es ist eine Stadt für den zweiten, genauen Blick. Man muss sich etwas Zeit nehmen, um ihre Schätze zu heben. „Kassel war ab 1277 etwa 600 Jahre lang die Hauptstadt von Hessen, und das merkt man bis heute – wenn man es weiß. Wir haben zum Beispiel eine ungewöhnlich spannende Museumslandschaft, viele Bauten aus der Zeit der hessischen Landgrafen und wunderschöne riesige Parks.“

Kontraste aus Alt und Neu

Meist starten die regelmäßigen Touren bei der Tourist Information Kassel in der Wilhelmsstraße und führen durch die Innenstadt und über die Schöne Aussicht, eine Straße direkt am Staatspark Karlsaue, bis zum Friedrichsplatz. Dort gibt es seit einigen Jahren eine Bronzeplastik, die zeigt, wie Kassel, das schwere Kriegsschäden davongetragen hat, vor 1945 aussah. Jetzt darf man natürlich traurig darüber sein, dass es in der hessischen Metropole keine gemütliche Altstadt mehr gibt, aber gerade der spannungsvolle Kontrast aus Alt und Neu ist für Sylvia Schmelzer einfach charakteristisch für Kassel. Sie sagt: „Wir haben ja immer noch viele historische Orte. Und diese werden mit der Wiederaufbau-Architektur der 1950er-Jahre konfrontiert – das finde ich total spannend.“ Wer nicht nur die Kasseler City erleben, sondern zum Beispiel auch den weltberühmten Bergpark Wilhelmshöhe besuchen möchte, der sollte Zeit mitbringen. „Das unterschätzen viele“, erzählt unser Guide, „in Kassel sind die Wege relativ weit. Und für den Bergpark, der seit 2013 zum Welterbe der UNESCO gehört, braucht man eigentlich schon alleine einen ganzen Tag.“

Es ist der größte Bergpark Europas, du solltest ihn praktischerweise mit festem Schuhwerk erkunden und mit öffentlichen Verkehrsmitteln herkommen. Denn dann kannst du mit dem Bus oben bis ans Herkules-Denkmal fahren – und unten, immerhin 235 Höhenmeter und über 500 Treppenstufen tiefer, in die Straßenbahn zurück in die City steigen. Oder umgekehrt. Am besten kommt man an einem Mittwoch- oder Sonntagnachmittag (bzw. an einem Feiertag) im Sommer. Denn dann ist der Bergpark im Wasserspiele-Modus: Bei jeder Wasserspiele-Vorführung stürzen über 750.000 Liter Wasser den Berg hinunter, und zwar von dem Oktogon mit der Herkules-Statue über künstliche Felsen, Treppen und Aquädukte abwärts. Am Ende gibt’s noch eine 50 Meter hohe Fontäne – und das alles alleine durch die geschickt ausgenutzte Schwerkraft des Wassers.

 

Wasserspiele

Ende des 17. Jahrhunderts ließ Landgraf Karl von Hessen-Kassel den barocken Bergpark samt einem Teil der Wasserspiele errichten, später baute sein Enkel Wilhelm I. weiter. Das Gelände ist bis heute ein einzigartiges Zeugnis des Europäischen Absolutismus – und  ein nicht enden wollendes Sommer-Wasserfest in Kassel. Weitere Sehenswürdigkeiten im Bergpark sind u. a. Schloss Wilhelmshöhe mit seiner Galerie der Alten Meister, der Antikensammlung und der Graphischen Sammlung sowie die künstliche Ruine Löwenburg. Sylvia Schmelzers Lieblingsort dort oben liegt etwas abseits: Es ist die Weimarsche Seite, der jüngste gestaltete Teil des Parks aus den 1820er-Jahren. In diesem Bereich gibt’s keine Gebäude, weshalb dort nicht so viele Menschen unterwegs sind. Dafür genießt du wunderschöne Aus- und Einblicke ins Grüne, kannst gut entspannen.

 

Pflanzen aus aller Welt

Der zweite grüne Lieblingsort von Sylvia Schmelzer liegt im schon erwähnten Staatspark Karlsaue, der das grüne Herz der City ist: die Insel Siebenbergen (klingt schon ziemlich märchenhaft, aber zu den Märchen der Grimms kommen wir erst später). Das kleine Eiland wurde 1710 angelegt und gut 100 Jahre später noch einmal umgestaltet. Der damalige Hofgartendirektor Wilhelm Hentze leitete ab 1834 die kurhessischen Gärten und legte auf Siebenbergen eine Art Botanischen Garten mit Hügeln an, in dem er exotische Pflanzen mit hiesigen Blumen kombinierte. Heute wachsen dort rund 100 verschiedene Pflanzenarten aus aller Welt – und da viele von ihnen mit Hinweistafeln versehen sind, ist ein Besuch dort nicht nur erholsam, sondern auch lehrreich.

Direkt an der Schönen Aussicht, die den Stadtpark in nordwestlicher Richtung abschließt, liegt die Neue Galerie – und nun kommen wir zu den erstklassigen Museen, die Kassel bietet. Dort kannst du dir neben Werken der Klassischen Moderne und des deutschen Impressionismus auch documenta-Kunst der vergangenen Jahrzehnte ansehen. Und auf die documenta  ist man in Kassel mächtig stolz. Schon seit 1955  ist diese weltweit bedeutendste Ausstellung zu zeitgenössischer Kunst in der hessischen Metropole zu Hause, und sie hat nicht nur einmal für kontroverse Debatten gesorgt, provoziert, letztendlich neue Maßstäbe gesetzt. Die nächste, die documenta 15, wird die Kunstwelt vom 18. Juni bis 25. September 2022 bewegen.

 

 

Außenwerke der documenta

Es ist aber auch nicht schlimm, wenn du nicht zur documenta-Zeit Kassel besucht. Dann ist es ruhiger – und die vergangenen Ausstellungen haben durchaus ihre Spuren hinterlassen, und zwar in Form der Außenwerke der documenta, von denen es bislang 16 gibt. Zwei Beispiele: „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ von Joseph Beuys ist eine über die Stadt verteilte Skulptur, die Kassel schon seit 1982 prägt. Erkennbar sind die Bäume an kleinen Stelen. Auf dem Modehaus SinnLeffers am Friedrichsplatz stehen seit 1992 „Die Fremden” von Thomas Schütte.

 

Märchen entdecken

„Natürlich gehört die documenta zu Kassel“, sagt Sylvia Schmelzer. Aber es gibt ihrer Meinung nach so viele sehenswerte Museen in der Stadt an der Fulda: Die GRIMMWELT Kassel, die nicht nur Leben und Arbeit der beiden berühmten Brüder Jacob und Wilhelm Grimm würdigt. Es geht in dem preisgekrönten, interaktiven Museum um viel mehr: um eine unterhaltsam-kluge Darstellung vieler berühmten Märchenklassiker, um die Arbeit der Brüder als Sprachwissenschaftler und um die Geschwister von Jacob und Wilhelm. Ludwig Emil Grimm zum Beispiel war nämlich ein begabter, damals bekannter Maler und Graphiker. Du tauchst tief ein in das faszinierende Leben, Schaffen und Wirken der Grimms – Jacob und Wilhelm haben lange in Kassel gewohnt. Zu den wertvollsten Exponaten zählen die Handexemplare der Kinder- und Hausmärchen – die zum Weltdokumentenerbe der UNESCO gehören. In ihnen haben die beiden Wissenschaftler Anmerkungen zu Klassikern wie Rotkäppchen oder Hänsel und Gretel notiert. Was hat Kassel noch? Deutschlands einziges Museum zur Sepulkralkultur, das Naturkundemuseum im Ottoneum oder die Caricatura, Galerie für Komische Kunst. „Mittlerweile gibt es in der Südstadt unterhalb der GRIMMWELT Kassel auch eine spannende Galerieszene“, erzählt Sylvia Schmelzer.

Gerne genießt die Stadtführerin in ihrer Freizeit auch den Blick vom Rondell, einem uralten Artilleriegeschützturm direkt an der Fulda. Gehörte zu Hauptstadt-Zeiten einmal zum Stadtschloss, das längst nicht mehr steht. Und soll während der Renaissance sommerlicher Speiseplatz der landgräflichen Familie gewesen sein. Ein besonderer Ort ist das Rondell bis heute. „Auf der einen Seite schaust du von dort bis zu Spitzhacke, einem documenta-Außenwerk, und zum Orangerieschloss. In der anderen Richtung siehst du das Kunstwerk Blue Dancer, das uralte, ehemalige Karmeliterkloster Renthof – und die neue Unterneustadt, die erst in den 1990er-Jahren direkt an der Fulda entstand.

Vom Rondell kannst du am frühen Abend in etwa einer Viertelstunde zur Uni hinüber spazieren, die am Holländischen Platz auf einem interessanten ehemaligen Industriegelände liegt. Kassel entwickelt sich seit einigen Jahrzehnten auch immer stärker zur Studentenstadt – mittlerweile leben schon weit über 20.000 Studierende dort. Und rund um den Holländischen Platz ist eine interessante und junge Bar- und Kneipenszene entstanden. Das richtige Stadtviertel, um deinen Kassel-Tag gemütlich ausklingen zu lassen. Und noch einmal deinen rasanten Rundgang durch viele Jahrhunderte Geschichte Revue passieren zu lassen.