Seifenkisten Gedenktafel preloader-image HA Hessen Tourismus

Es war einmal in Oberursel...

Die Wiege des Seifenkistenrennens liegt im Taunus

Außen am repräsentativen Fachwerkgebäude des Vortaunusmuseums prangt eine Gedenktafel mit der Aufschrift: „Geburtsstätte des Seifenkisten-Sports“.

Innen ist Renate Messer bestens mit der Geschichte vertraut: „Die Geschichte der Seifenkiste beginnt im Jahre 1904 in Oberursel. Ein paar Jungs, vom ersten internationalen Automobilrennen auf deutschem Boden inspiriert, bauten ihre eigenen Rennwagen aus Holz. Die ‚großen’ Rennfahrer waren von ihren kleinen Nacheiferern so begeistert, dass sie den Anstoß gaben zum ersten ‚Kinderautomobilrennen’ der Welt“, erklärt die Museumsleiterin. 16 Jungen sausten beim Sommerfest des Bürgervereins „Humor“ in dem Taunusstädtchen um die Wette. Eines der „Rennmobile“ bestand aus einem 1,50m langen Brett, vier Kinderwagenrädern und einer Vorderachse. Ein Kasten auf dem Brett diente als Motorhaube. Ein Nachbau dieses Kinderautomobils ist heute in der besonderen Ausstellung des Museums zu bewundern.

Meisterschaften und internationale Derbys

In der bunten Ausstellung im Vortaunusmuseum erfährt der Besucher, wie aus dem ersten Kinderautomobilrennen später eine richtige Rennkultur wurde. Meisterschaften, Derbys und Jugendcamps. Für die 10 bis 12-Jährigen Jungen waren die Vorbereitung und die Teilnahme daran mehr als nur ein Freizeitvergnügen. Bei den Vorbereitungen zur deutschen Meisterschaft wurde zusammen Sport getrieben, es gab Ausflüge und gemütliches Beisammensein am Lagerfeuer. Eine neue Art des Gemeinschaftsgefühls für die Nachkriegskinder. Die Dauerausstellung erzählt auch diese Geschichten. „Besonders gern mag ich die kleinen Details, wie zum Beispiel die Speisepläne, auf denen dann Tomaten mit kleinen Mayonnaise-Kleksen für die Jungs aufgelistet waren“, erzählt Renate Messer. Aber nicht nur kulinarische Highlights hatte die Teilnahme zu bieten. Dem Sieger der Deutschen Meisterschaft winkte eine Ausbildung in einem technischen Beruf und vor allem durfte er mit seiner Seifenkiste an der Weltmeisterschaft in Amerika teilnehmen. Auch diese Impressionen sind in der Ausstellung zu bewundern und vor allem die Original-Kisten, mit denen die Fahrer erst per Schiff später per Flugzeug nach Amerika reisten.

Die Seifenkiste und Opel

Ende der 40er Jahre übernahm die Adam Opel AG in Rüsselsheim die Organisation und Ausrichtung der westdeutschen Bundesmeisterschaft im Seifenkistenrennen und führte ein komplettes Regelwerk sowie verbindliche Bauanleitungen ein. Die Veranstaltung hieß von nun an „Deutsches Seifenkisten Derby.

Der Kinderrennsport boomte. In den fünfziger Jahren gab es organisierte Wettbewerbe in fast zweihundert Städten in der Bundesrepublik. Ein originaler Radsatz und Lenkung aus dieser Zeit sind ebenfalls in Oberursel zu sehen. „Nachdem Opel sich in den 70er Jahren aus dem Seifenkisten-Geschäft zurückgezogen hat, wurde das DSKD gegründet: das Deutsche Seifenkisten Derby e.V., das bis heute offizielle Rennen und Meisterschaften organisiert“, erklärt die Kulturanthropologin. In den 80er Jahren profitierte Oberursel vom Rückzug des Rüsselsheimer Unternehmens: Objekte, Fotos und Dokumente, die die Adam Opel AG der Stadt überlassen hat, bilden zusammen mit Schenkungen ehemaliger „Rennfahrer ein von Jahr zu Jahr wachsendes Archiv.

Lebendige Tradition

Auch Oberursel ist seiner Tradition treu geblieben und so findet seit 1904 (mit einigen Unterbrechungen) bis heute das sogenannte „Orscheler Seifenkistenrennen“ statt. Seit 2013 führt die Rennstrecke über die Strackgasse auf 128 m. Die Fahrzeit bei 5% Gefälle über Kopfsteinpflaster beträgt etwa 20 Sekunden, manchmal auch länger. Start ist natürlich am Vortaunusmuseum. Die Steigung am Anfang der Strecke ist ausreichend, sodass keine Rampe benötigt wird. Wie eine solche Rampe früher ausgesehen hat, auch das kann man sich im Museum anschauen. „Sehr umweltschonend das Ganze,“ fügt Renate Messer schmunzelnd hinzu, „man braucht nur vier Räder, eine Bremse und eine Lenkung, ganz einfach.“ Gar nicht einfach fällt es ihr dagegen, ihre Lieblingsseifenkiste zu benennen: „Ganz besonders mag ich die graue Seifenkiste aus den 50er Jahren, von Alfred Hänle, einem Fahrer aus Hanau. Die ist nicht komplett restauriert, da wurden nur Erhaltungsmaßnahmen gemacht. Man sieht die Dellen und Spuren, die die Rennen hinterlassen hat. Die erzählt am meisten Geschichte.“ 

Alltagskultur im Vortaunusmuseum in Oberursel

Renate Messer ist sichtlich stolz auf Ihre Seifenkisten-Sammlung: „Es ist ein Stück Zeitgeschichte. Wir sind ein Stadtmuseum, das von der Frühgeschichte der Kelten, über das Mittelalter bis zu den Mühlen vom Leben in Oberursel erzählt. Und da passen die Seifenkisten gut rein.“ Wer noch mehr darüber erfahren möchte, kann sich im Museumsshop auch das Büchlein von Renate Messer mit dem Titel „Es war einmal in Oberursel…“ mitnehmen. Liebevoll hat sie vor allem alte Bilder rund um den Seifenkistensport gesammelt: „Ich finde, es erzählt nicht nur die Geschichte der Rennen, sondern auch die der Kindheit damals.“ Das Vortaunusmuseum liegt in der bezaubernden Altstadt des Taunusstädtchens Oberursel, umgeben von Fachwerk. Rund um den Marktplatz mit dem historischen Rathaus laden nach dem Museumsbesuch lauschige Lokale ein. Während man dann auf der Terrasse vom „Marktweib“, „Zum Hirsch“ oder „Ratskeller“ seinen Kaffee genießt, sausen vielleicht in Gedanken die bunten Seifenkisten ratternd das Kopfsteinpflaster den Berg hinunter.

 

 

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