Kulturwissenschaftlerin und Nachthimmel-Expertin Sabine Frank liebt die Dunkelheit. Bei ihrer nächtlichen Führung im Sternenpark Rhön zeigt sich schnell: Diese Begeisterung ist ansteckend
Wenn Sabine Frank über den Sternenpark Rhön spricht, leuchten ihre Augen vor Begeisterung. Kein Wunder: Schließlich gäbe es den Park, der sich dem Schutz der Dunkelheit und der Sternenbeobachtung verschrieben hat, ohne die engagierte Hessin gar nicht. Aber von vorn: Wir treffen uns an diesem September-Abend mit ihr am Fuße der Wasserkuppe. In der blauen Stunde, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, schauen wir gespannt hinauf zum höchsten Punkt des Landkreises. Er ist das Ziel des Spaziergangs, der uns in die Dunkelheit führen und den Gestirnen am Himmel ganz nah bringen soll. Etwaige Unsicherheiten zerstreut unsere erfahrene Begleiterin schnell: „Die Dunkelheit der Nacht ist nicht schwarz! Das Auge erkennt Kontraste gut. Das Laufen auf den Wegen mit hellem Untergrund ist daher in der Regel ganz leicht, auch ohne Taschenlampe.“ Los geht es also! Schon bald wird die Welt um uns immer dunkler. Am Himmelszelt werden die ersten Gestirne sichtbar. „Ich sage immer: ‚Plötzlich ploppen sie hervor!‘ Auch wenn das natürlich kein wissenschaftlicher Fachbegriff ist.“ Sabine schmunzelt.



Immer wieder nehmen wir uns Zeit, unsere Sinne zu schärfen und den Himmel auf uns wirken zu lassen. Sabine zeigt uns Satelliten, Flugzeuge und natürlich: Sterne und Planeten, die nun immer deutlicher am Himmel zu sehen sind. „Sterne funkeln – das lässt sich auch mit bloßem Auge gut erkennen“, erklärt sie. Nach etwa 20 Minuten sind wir auf der Wasserkuppe angekommen, nehmen auf einer der gemütlichen Wellenliegen Platz – und richten den Blick staunend in die Nacht, die tatsächlich alles andere als schwarz ist. Verheißungsvoll funkelt und leuchtet es über uns.

Oben angekommen beginnt das Sternenkino
Ein paar stille Momente nehmen wir uns, um einfach zu schauen. Dann ergreift Sabine das Wort und erklärt uns, was genau wir da eigentlich bestaunen. „Die Erde saust um die Sonne, daher sehen wir je nach Jahreszeit immer einen anderen Sternenhimmel.“ Jetzt im Herbst spannt sich die Milchstraße wie ein schimmerndes Band von Nordosten nach Südwesten über den Himmel. Sabine führt unseren Blick und zeigt uns, wie die Milchstraße im Südwesten in das funkelreiche Sternbild des Schützen mündet. Östlich davon ist noch das sogenannte Sommerdreieck zu erkennen, das sich aus drei besonders hell leuchtenden Sternen formt. Kaum zu glauben, dass unsere Sonne 200-mal in den Durchmesser des gigantischen Sterns namens Deneb passt.
Mit bloßem Auge bis zur Andromedagalaxie – ja, das geht!
Inzwischen ist die Wahrnehmung durch Sabines Anleitung ein wenig geschult und wir entdecken im Osten ein echtes Highlight: den berühmten Andromeda-Nebel. Das ist die uns nächstgelegene Galaxie – unvorstellbare 2,5 Millionen Lichtjahre entfernt. Was wir zunächst mit bloßem Auge als nebligen Fleck wahrnehmen, wird mit einem einfachen Fernglas zum echten Wow-Moment: Plötzlich zeigt sich ihr heller Kern und die längliche Form. „Das ist mal eine wahre Fernreise, oder?“, kommentiert Sabine mit einem Augenzwinkern. Zum Abschluss zeigt sie uns das Sternbild Kassiopeia mit seiner markanten W-Form. „Es wurde von antiken Astronomen zur Erinnerung an die sagenhafte Königin Kassiopeia erdacht, die mit ihrer Eitelkeit den Zorn des Poseidon auf sich zog.“


Kultur, Natur, Poesie und Wissenschaft
Über die Sterne am Himmel ließen sich unzählige solcher Geschichten erzählen. Denn seit Menschengedenken ist das Firmament viel mehr als die Summe seiner Gestirne: Es ist Inspirationsquelle für Geschichtenerzähler, Ort der Ruhe und Ordnung, Ursprung wissenschaftlicher Erkenntnisse und seit Urzeiten Fixpunkt für die Orientierung in Zeit und Raum. „Schon vor Tausenden von Jahren haben Menschen den Nachthimmel gesehen, wie wir ihn heute sehen“, erklärt Sabine, während wir den Rückweg durch die Dunkelheit antreten. „Für mich hat dieser Gedanke etwas sehr Beruhigendes.“ Vielleicht sieht sie sich deshalb auch als Nachtschützerin, die den Menschen die natürlichen Abläufe der Natur im Wechsel von Hell und Dunkel wieder näherbringen möchte. Ihrem Engagement ist es auch zu verdanken, dass wir in der Rhön dafür so gute Bedingungen vorfinden: Von ihr stammte die Idee, das UNESCO-Biosphärenreservat als Sternenpark anerkennen zu lassen – ein Titel, der von der International Dark Sky Association an Gebiete mit einer besonders schützenswerten und nahezu natürlichen Nachtlandschaft verliehen wird. Mit der Auszeichnung geht die Aufgabe einher, die Lichtverschmutzung zu reduzieren: zum Schutz nachtaktiver Tiere und Zugvögel, zum Wohle der Anwohner und zur Freude der Besucher, die an vielen Orten in der Rhön in die Faszination Nachthimmel eintauchen können. Sabine formuliert es zum Abschied als persönlichen Wunsch: „Ich möchte den Menschen den Sternenhimmel zurückgeben!“ Nach diesem inspirierenden Ausflug können wir sagen: Ihre ansteckende Begeisterung für die Nacht ist die beste Voraussetzung, dieses Ziel zu erreichen.
































